Vom Zu-Ende-Gehen

17 Mar

Vom Zu-Ende-Gehen

Alle Dinge müssen zu Ende gehen. Dies ist eine unausweichliche Tatsache in der menschlichen Erfahrung. Ob wir das Ende einer Beziehung, die Erfahrung des physischen Todes oder den Zusammenbruch einer Zivilisation betrachten, das Leben bewegt sich immer auf einen Abschluß zu. Auf den ersten Blick mag es schwierig erscheinen, dies als eine Aufgabe der Evolution zu sehen, aber genau das ist es. Enden oder Abschlüsse sind unerläßlich und sind immer in die spirituelle Reise selbst eingefügt. Sie sind einfach der Ausdruck des großen Gesetzes der Periodizität.

Das Gesetz der Periodizität ist ein grundlegender Lehrsatz innerhalb der zeitlosen Weisheit. Es besagt, daß jeder Ausdruck des Lebens zyklischer Natur ist. Dieses Gesetz legt nahe, daß das Leben eine natürliche Tendenz hat, sich selbst periodisch in der Form zu inkarnieren. Durch diesen Prozeß schreitet die Evolution des Lebens voran. Die Inkarnation in die Form verschafft dem Leben ein Erfahrungsfeld, das notwendig ist für sein Wachstum und seine Entwicklung.

In den philosophischen Überlegungen des Ostens wird darauf Bezug genommen als das große Ein- und Ausatmen Gottes. Das Ausatmen tritt auf, wenn Leben in (und als) die Form geatmet wird und so die Manifestation des physischen Lebens erscheint. Umgekehrt bedeutet das Einatmen, das Zurückziehen des Lebens aus der Form. Enden oder Abschlüsse zeigen daher immer an, daß das Leben sich selbst (ein-atmend) aus der Umhüllung der Form zurückzieht.

Ob wir das Ende betrachten, das von einem Grashalm, einem menschlichen Wesen oder der Wesenheit, die den gesamten Planeten beseelen (den planetarischen Logos) erfahren wird, dieser Prozeß des Ein- und Ausatmens ist unaufhörlich. Es ist das große Pulsieren des Lebens und ist in die Natur der Evolution selbst eingewoben. Das Leben inkarniert sich regelmäßig in Gefäße aus Substanz (Form), nur um sich später wieder daraus zurück zu ziehen, wenn die Nützlichkeit der Form erschöpft ist.

Die Seele und ihre Gewänder

Aus der menschlichen Perspektive betrachtet, ist es die Seele (als der Träger des Lebens), die sich inkarniert. Durch zahllose Inkarnationen entwickelt die Seele schrittweise ihre Fähigkeit ihre Liebe und Weisheit durch ihr Gefäß aus Substanz – der Persönlichkeit zu entfalten. Als solche ist die Persönlichkeit nur ein Gewand, das von der Seele benutzt wird, um mit der äußeren Welt in Wechselwirkung zu treten. In dem sie dies tut, entwickelt sich die Seele.

Es muß daran erinnert werden, daß ein Gefäß aus Substanz beides ist: ein Gewinn und eine Verpflichtung für die Seele. Es ist ein Gewinn dahin gehend, daß es die Seele mit einem äußeren Gewand versorgt, um Gedanken, Gefühle und physische Empfindungen zu erfahren. Doch es ist auch eine Verpflichtung, da es der Seele nur eine begrenzten Serie von Lern- Erfahrungen zur Verfügung stellen kann. Aus der Sicht der Seele hat daher die Persönlichkeit nur vorübergehenden Wert. Der Tod zeigt einfach an, daß die Seele sich selbst aus ihrem Gewand erhoben hat und daß ihre Verbindung mit der Persönlichkeit abgelaufen ist.

Einen Lebenszustand beenden

Die Seele wird sich – weniger dramatisch als durch den Tod- (zeitweise) auch aus unterschiedlichen Lebenszuständen zurückziehen. Auf diese Weise betrachtet, stellen die Gewänder des Ausdrucks der Seele die äußeren Lebenssituationen dar. Alles was im täglichen Leben getan wird ist (für die Seele) ein Prozeß der Interaktion mit der Form. Beziehungen, Karriere und Alltagstätigkeiten sind nur Formen, die Erfahrungen für die Seele zur Verfügung stellen. Wichtiger noch ist zu bemerken, daß so wie die Nützlichkeit der Persönlichkeit vorübergehend ist, sind es auch die situationsbezogenen Formen, durch die wir unser Leben leben.

Nach dem Gesetz der Periodizität sind die Lebensumstände unausweichlich zyklischer Natur. Wenn wir, zum Beispiel, unsere Beziehungen betrachten, wird deutlich, daß sie von einer Art Ebbe und Flut beherrscht werden. Zu manchen Zeiten wachsen sie und blühen auf (Flut) und nähren daher die Beteiligten, während sie sich zu anderen Zeiten eher in der Phase der Ebbe befinden. Seine Aufmerksamkeit auf diese Gezeiten-Tendenz zu richten, ist spirituell gesehen sehr wichtig. Wenn sie bemerkt wird, kann eine Person besser den Rhythmus ihres Lebens verstehen und auch, wie sie oder er diesen richtig steuern kann.

Manchmal ist die Ebbe (das Ein-Atmen) nur gering. In solchen Fällen fühlt sich ein Individuum berufen, nur einen Aspekt einer bestimmten Situation zu verändern. Doch zu anderen Zeiten ist die Ebbe so stark, daß sie den vollen Rückzug erfordert. Wenn dies in einer Ehe oder einer Beziehung passiert, hat die Verbindung ihr Ende erreicht. Wenn dies mit einer beruflichen Form verbunden ist, erscheint ein Verlangen nach einem neuen Werdegang in beruflicher Hinsicht.

Krise als ein Auftakt für Veränderung

Der Rückzug von einer wichtigen Lebenssituation (Form) ist normalerweise von großer Angst und Unbehaglichkeit begleitet. Doch sollte man sich im Klaren darüber sein, daß die Krise ein Auftakt zu jeder Art von Erweiterung des Bewußtseins ist. Wenn die Seele den Impuls gibt, sich selbst aus einem bestimmten Zustand zurückzuziehen, ist es immer die Persönlichkeit, die die Krise erlebt, nicht die Seele. Es ist signifikant, sich an diese Unterscheidung zu erinnern, besonders wenn man sich inmitten eines solchen Prozesses befindet.

Die Persönlichkeit ist im Wesentlichen Form-gebundenes Bewußtsein. Dieses existiert als eine Gesamtsumme unserer alltäglichen Gedanken und Gefühle und unserer Erfahrungen des äußeren Lebens. Weil die Persönlichkeit durch diese Formen definiert wird, tendiert sie dazu eine gewohnheitsmäßige Verbindung zu ihnen herzustellen. Sie fühlt sich daher sehr unbehaglich, wenn sie (durch die Seele) gezwungen wird, sich selbst aus unterschiedlichen Lebensumständen zurückzuziehen.

Wenn man sich an ein Ende im Leben annähert, durchlebt die Persönlichkeit oft Furcht und Unschlüssigkeit. Wenn diese Unschlüssigkeit auf unbestimmte Zeit verlängert wird, wird die höhere Bestimmung der Seele geleugnet. Die Persönlichkeit trägt dann den Sieg davon und ein wenig des Einflusses der Seele geht verloren. Dies wird überwunden, wenn wir lernen, vorauszuerahnen, daß eine Zeit der Dunkelheit auftreten wird, wenn wir uns einem Ende nähern. In dieser Hinsicht ist es gut, sich daran zu erinnern, daß die Dunkelheit oft ein Auftakt für die herannahende Stunde der Gelegenheit ist.

Es soll aber angemerkt werden, daß nicht alle Krisen durch die Notwendigkeit der Seele sich aus einer Form oder einer Lebenssituation zurückzuziehen, hervorgerufen werden. Tatsächlich ist es die Mehrheit nicht. Die allgemeinsten Arten von Krisen gehören zum Kampf der Persönlichkeit mit sich selbst und mit ihren egoistischen Bedürfnissen. Wenn eine Krise (und das, ihr folgende, Ende) ausschließlich durch die Persönlichkeit ausgelöst wird, ist das darunter liegende Motiv, eine Ausdehnung des Ego zu unterstützen.

Wenn jedoch eine Ende durch die Seele hervorgerufen wird, ist ein höheres Motiv am Werk. Dies beinhaltet die Erkenntnis, daß ein weiserer Aspekt von einem selbst (die Seele) einen größeren Ausdruck sucht und daß eine etablierte Lebenssituation nicht länger diesen erhöhten Ausdruck unterstützen kann. Daher ist die Seele gezwungen, sich zurückzuziehen. Dies wird erlebt als ein Zurückziehen von einer bestimmten Situation. Und, zur gleichen Zeit, ist da die Empfindung eines zu sich selbst Kommens, doch ohne, daß das Ego sich aufbläst.

Wie wir mit Veränderungen umgehen, beeinflußt unser Voranschreiten auf dem spirituellen Weg. Wenn die Seele den Prozeß anführt, wird die Form, die zurückgelassen wird, immer noch mit Ehrfurcht betrachtet. Das Herz bleibt offen, sogar während das Individuum das alte losläßt. Normalerweise ist dies nicht der Fall, wenn die Persönlichkeit den Impuls für ein Ende gibt. In solchen Fällen neigt das Herz dazu, die Form abzulehnen, die es einst geliebt hat. Traurigerweise wird, wenn dies geschieht, Enttäuschung oder Ärger den Prozeß beflecken.

Zyklen innerhalb des Größeren Lebens

Obwohl wir die Prinzipien, die das zu –Ende -gehen beherrschen, innerhalb des Lebens eines Einzelnen, erörtert haben, lassen sie sich gleichermaßen auf eine Gesellschaft als Ganzes anwenden. So wie ein Mensch hat die Menschheit selbst eine Seele und eine Persönlichkeit und auch sie entwickelt sich über gewaltige Zeiträume hin. Und genauso wie die Seele eines Menschen (zeitweise) eine äußere Veränderung im Leben auslösen wird, gilt dies ebenso für die Menschheit.

Kultur ist einfach nur eine Form, die durch das Leben benutzt wird, um sich selbst in einem größeren Maßstab auszudrücken. Ja, die Menschheit entwickelt sich tatsächlich durch ihre Beziehung zu kulturellen Mustern, ebenso wie die zahlreichen sozialen Institutionen, die daraus entstehen. Das große Drama der menschlichen Geschichte zeigt ganz klar, daß die Zivilisation durch Zyklen beherrscht wird, die oft über lange Zeiträume hinweg andauern. Historisch gesehen gibt der Aufstieg und Fall der Zivilisationen Zeugnis für die Natur des Lebens, wie sie sich zyklisch manifestiert und sich wieder zurückzieht über die Zeit hinweg.

Innerhalb der menschlichen Erfahrung und bezogen auf das kosmische Stadium manifestieren sich Zyklen in jedem Aspekt unserer Existenz. Die Jahreszeiten, die Mondphasen und das Erscheinen und Verschwinden von Arten (wenn es natürlichen Ursprungs ist), all das ist Zeugnis für die Tatsache, daß alles zyklisch und dynamisch ist. Wenn wir diese Wahrheit voll erfassen und anwenden, macht es die spirituelle Reise viel einfacher. Sich nach den Zyklen des Lebens auszurichten, bedeutet sich mit dem größeren Leben in Gleichklang zu begeben.

Tempel werden zu Gefängnissen

Natürlich ist es die große Herausforderung, zu erkennen, wann die Formen, die wir benutzen, nicht länger die Seele die sich sie ausdrücken will, unterstützen. Die Persönlichkeit (und die Zivilisation) neigt dazu, Veränderungen gegenüber Widerstand zu leisten und daraus folgt natürlicherweise eine Krise. Wir können unseren Weg durch kritische Zeiten hindurch navigieren, wenn wir uns an ein sehr wichtiges Prinzip erinnern. Eine Form, die das Wachstum unterstützt, wird schließlich aus ihrer Nützlichkeit herauswachsen und so zu einer Verpflichtung werden. Metaphorisch ausgedrückt: das was heute Euer Tempel ist, wird morgen Euer Gefängnis sein.

Die spirituelle Reise erfordert, daß wir lernen, zu akzeptieren, daß Enden oder Abschlüsse, unausweichlich sind. Doch jedes Ende ist auch ein Neuanfang – das Alpha und das Omega. Das Einatmen des Lebens ist immer gefolgt von einem Ausatmen, aber auf einer höheren Windung der Spirale der Evolution. Darin liegt ein Grund zum Optimismus. Ja, es ist sogar eine Quelle der Freude, denn es beinhaltet die Zusicherung der eigenen Unsterblichkeit. Die Form kommt und geht, aber das Leben ist und war immer.

© 2008 William Meader


Biographische Information:
William Meader ist ein Autor, Lehrer und Berater . Vieles seiner Arbeit konzentriert sich auf die Themen der Spirituellen Kreativität, der Evolution des Bewußtsein und der Astrologie der Seele. Er ist ebenfalls ein erfahrener Lehrer verschiedener Meditationstechniken. Zur Zeit unterrichtet er in den Vereinigten Staaten, Kanada, Europa, Australien und Neuseeland. Er lebt in Oregon/ USA und kann über seine Webseite erreicht werden – meader.org.

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