Praktische Mystik – Der Weg der Zukunft

17 Mar

Praktische Mystik

~ Der Weg der Zukunft ~

Für Jahrhunderte war die Mystik eine Hauptkraft auf unserer Suche, Gott und die spirituelle Dimension des Lebens zu erfahren. Unser Sehnen, eine Verbindung mit dem Göttlichen zu finden, kommt aus alter Zeit und war  ein instinkthafter Impuls, der in uns war seit den Anfängen der Menschheit. Ja, man kann sogar sagen, daß dieser Drang in das tatsächliche Gewebe des menschlichen Bewußtseins hineingewoben ist. Es ist ein tiefempfundener Wunsch, eine tiefe und bleibende Verbindung mit der Liebe Gottes herzustellen und daraus einen „Frieden, der das Verstehen übersteigt“ zu erfahren. Dennoch ist unsere Verbindung zu Gott etwas, das sich entwickelt, so wie alles andere im Leben auch. Obwohl also die Mystik in der Vergangenheit der Schwerpunkt war, entwickelt sie sich schrittweise in eine neue und erleuchtetere Annäherung hin zu Gott und unserem Verständnis des spirituellen Lebens. Diese neue Annäherung ist mit vielen Namen belegt worden, aber der prägnanteste und nützlichste Titel ist Praktische Mystik.

Praktische Mystik ist nicht eine spirituelle Annäherung, die die Gültigkeit der Mystik in Abrede stellt (in der Form, wie wir diesen Begriff traditionellerweise verstehen). Statt dessen ist die nächste Stufe in ihrer Evolution. Mystik hat in der Vergangenheit die Wichtigkeit der Verbindung zur Liebe Gottes betont. Sie basiert auf der Überzeugung, daß Gott Liebe ist, und die Empfindung einer tiefen Liebe im eigenen Inneren das Erreichen von Göttlichlichkeit bedeutet. Ein praktischer Mystiker würde nicht die Wahrheit dieser Vorstellung abstreiten. Doch hat ein praktischer Mystiker zusätzlich zu dieser Sichtweise ein Verständnis von Gott nicht nur als Repräsentant der Liebe, sondern auch von Denksystem und Intelligenz.

Dies ist der essentielle Unterschied zwischen der traditionellen Mystik und der Sichtweise, die in der praktischen Mystik befürwortet wird. Für den praktischen Mystiker ist Gott Liebe und Verstand, und das in einem gleichwertigen Sinn. Beide Begriffe repräsentieren geheiligte Attribute der Göttlichkeit, die durch die Menschheit Ausdruck sucht. Wenn unser mystisches Verständnis des Lebens reifer wird, beginnen wir zu verstehen, daß der Gebrauch des Verstandes (des höheren Denkvermögens) ein Tor zu Gott darstellt. Es ist ein Portal in den Willen und die Intelligenz der Göttlichkeit, so wie das Herz ein Weg hin zur göttlichen Liebe ist.

So wie das abstrakte Denkvermögen eines Individuum sich entwickelt (in Verbindung mit Liebe), beginnt er/ sie zu realisieren, daß Gott zur Menschheit durch erhabene und tiefgründige Ideen spricht. Daraus entsteht ein neues Verständnis für das Leben. Es ist die Erkenntnis, daß die Menschheit sich wirklich entwickelt. Doch es ist nicht die Evolution, wie wir sie gewöhnlich betrachten. Im Unterschied zu der Darwinschen Aussage, daß ‚survival of the fittest’ (das Überleben des Stärksten) Veränderungen in der Evolution voran treibt, realisiert der praktische Mystiker, daß die Menschheit sich durch ihre Beziehung zu fortschrittlichen Ideen und deren praktischer Anwendung entwickelt.

Die praktische Mystik stellt fest, daß der Dienst an der Menschheit in Mitgefühl zentriert und gleichzeitig mit Weisheit und Intelligenz ausgedrückt werden muß. Sie erfordert, daß wir lernen, eine tiefe Verbindung zur Liebe der Seele herzustellen, während gleichzeitig die Weisheit des Denkvermögens in praktischer Weise verwandt wird. Zu oft sind Mystiker liebevoll anziehend, aber es fehlt ihnen die Fähigkeit praktischer Lebensgewandtheit. Das muß sich ändern. Durch die ausgedehnte Erziehung der letzten Jahre hat die Fähigkeit der Menschheit, logisch und vernünftig zu denken enorm zugenommen. Daher leben wir in einer Zeit, in der Liebe allein nicht ausreicht. Statt dessen muß  Liebe von intelligentem Denken und praktischer Gewandtheit in der Ausübung begleitet werden. Das ist die Art des praktischen Mystikers.

Wenn wir den historischen Unterbau von Religion betrachten, sehen wir, daß die  Mystik die Grundlage ist, die der Theologie zur Geburt verholfen hat. In ihren frühen Phasen ist eine Religion weitgehendst mystisch und verhärtet sich später unnötigerweise durch Glaubensbekenntnisse und Dogma. Dennoch, werden trotz der destruktiven Einführung von Dogmen die mystischen Tendenzen einer Religion durch einige ihrer Repräsentanten aufrecht erhalten. Auf vielfältige Weise liefert die Ausrichtung, die in bestimmten Zweigen des Christentums zu finden ist, einen Beweis dafür. Der Glaube an ein klösterliches Leben ist ein solcher.

Die christliche Mystik wurde beherrscht durch die Annahme, daß das Bestreben Gott zu finden (im tiefsten Sinne) eine Abgeschiedenheit von der Gesellschaft und ein Leben in kontemplativer Einsamkeit erfordere. Obwohl die praktische Mystik nicht ablehnt, daß darin ein Stück Wahrheit enthalten ist, betont sie diese Vorstellung nicht. Stattdessen ist das Hauptthema, das Göttlicheinnerhalb der Gesellschaft zu finden. Gemäß der praktischen Mystik wird Göttlichkeit innerhalb des Schmelztiegels von Kultur und Zivilisation gefunden. Und es ist diese Überzeugung, die den praktischen Mystiker in seiner/ihrer Verpflichtung der Menschheit zu dienen, motiviert.

Die klösterliche Abgeschiedenheit , die immer noch in der Religion gefunden wird, ist tatsächlich eine übriggebliebene Auswirkung des Lebens während des Fische- Zeitalters. Während dieser großen astrologischen Epoche glaubte man, daß die Verbindung mit Gott dadurch vertieft würde, indem man sich selbst vom Treiben der Welt zurückzöge. Von daher entstand die monastische Theologie und Klöster für Nonnen oder Mönche ermöglichten die notwendige Isolation. Tatsächlich war dies für die letzten zweitausend Jahre das angeordnete Mittel, um Gott zu finden. Doch jetzt befindet sich die Menschheit, astrologisch betrachtet, in einem Übergang. In dieser bemerkenswerten Zeit in der Geschichte bewegen wir uns zwischen zwei großen Zeitaltern bewegen – dem Fische-Zeitalter und dem hervortretenden Zeichen des Wassermanns. Eine neue Ordnung erscheint daher am Horizont, und mit ihr kommt für die Menschheit der nächste Schritt in der Entwicklung der mystischen Beziehung zum Leben. Tatsächlich nähert sich die Vorstellung, daß Gott hauptsächlich in Abgeschlossenheit gefunden werden kann, ihrem Ende.

Das heranbrechende Zeitalter des Wassermanns repräsentiert den nächsten Schritt in der Entwicklung unseres Verständnisses von Gott und der Beziehung der Menschheit zum Göttlichen. Dieses Tierkreiszeichen symbolisiert die Wichtigkeit von intelligenter und praktischer Annäherung an das Leben. Wassermann ist als das Zeichen des Dienens bekannt und zutiefst verbunden mit der Entwicklung der höheren Verstandesebene. Zudem ermutigt es uns zu realisieren, daß es keinen Ort gibt, an dem Gott nicht ist. Dementsprechend ist Gott ebenso präsent in den hektischen Umständen des städtischen Lebens als auch in der Isolation, die abgelegene Orte bieten. In Wahrheit gibt es keinen Unterschied zwischen einem religiösen Kloster, Orten der Wissenschaft und der Künste, oder sogar dem Ghetto. Sie alle sind Tore, die zur Göttlichkeit führen. Dieses Zeichen fördert die Kultivierung von erhabenem Denken und das Bedürfnis, praktische Methoden zu finden, welche die Evolution der Kultur und den Aufschwung der Zivilisation unterstützen. Unsere Zukunft hängt zum großen Teil davon ab. Das Zeichen des Wassermanns ist die Kraft, die uns zur praktischen Mystik hin anspornt. Und obwohl dies so ist, sind es doch wir, die wir uns der Lage gewachsen zeigen müssen.

Einer der wahrnehmbaren Unterschiede zwischen dem Mystiker und dem praktischen Mystiker hat mit dem Glauben über die Natur der Schöpfung und ihrer Beziehung zum Schöpfer zu tun. Geschichtlich gesehen haben die westlichen Theologien die Ansicht vertreten, daß es eine Kluft gibt zwischen Gott und der Schöpfung. Dies ist eine Grundannahme im Bewußtsein des westlichen Mystikers und sie hat zu einer Empfindung des Getrennt-Seins von Gott geführt. Tatsächlich beziehen sich aus diesem Grund einige Gelehrte auf die westlichen Theologien als  die Religionen des Exils. Doch die praktische Mystik sieht dies aus einem anderen Blickwinkel. Es ist nicht Gott und die Schöpfung, es ist Gott als Schöpfung, die der praktische Mystiker für wahr hält. Dies ist der tiefere Grund, warum der praktische Mystiker Gott in jeder Facette der Zivilisation sieht. Jede gesellschaftliche Einrichtung wird als ein Aspekt der Göttlichkeit verstanden, die darum ringt, sich hin zu einem perfekteren Ausdruck zu entwickeln. Spiritueller Dienst hat daher überall seine Wichtigkeit.

Ein Haupt-Unterscheidungsmerkmal zwischen der althergebrachten Mystik gegenüber der praktischen Mystik liegt in der Frage nach gut und böse, richtig und falsch. Über die Jahrhunderte haben die westlichen Theologien diese zwei Dinge ausdrücklich herausgearbeitet. Die Sichtweise war, daß es Gut und Böse gibt und daß eine Wahl zwischen beiden getroffen werden muß. Die Vorstellung von der Hölle und vom Teufel tritt als Werkzeug hervor, um das Böse zu definieren und Menschen dazu zu bringen (üblicherweise durch Furcht), eine Wahl zugunsten des Guten zu treffen. Doch der praktische Mystiker sieht dies nicht so. Statt dessen existiert das Verständnis, daß alles in der Welt ein Ausdruck von beidem ist, von Dunkelheit und Licht, von Gut und Böse.

Jeder Mensch, jedes Lebensereignis und jede soziale Einrichtung besitzt ein Maß an Wahrheit und an Verzerrung. Ja, dies ist sogar eine Art (von vielen), das Böse zu verstehen. Einfach gesagt ist das Böse die Verzerrung der Wahrheit. Wir können dies leicht sehen, wenn wir die Tatsache in Betracht ziehen, daß eine schlechte Angewohnheit oft eine Tugend ist, die entstellt oder falsch angewandt wurde. Alle Dinge sind unvollkommen und enthalten deshalb einen Anteil von Verzerrung und Unreinheit (das Böse) in ihrem Ausdruck. Dies gilt für den Kriminellen wie auch für den Heiligen gleichermaßen. Die stark vereinfachende Feststellung, daß Dunkelheit aus der Erbsünde entsteht, wie es die westliche Theologie vertritt, wird aufgehoben durch ein aufgeklärteres (erleuchteteres) Verständnis des Bösen. Das Böse ist ein dynamisches Merkmal der Beschaffenheit der Schöpfung selbst und daher natürlicherweise ein Teil der Evolution aller Dinge. Für den praktischen Mystiker ist die Frage nicht, was gut ist und was böse. Es geht vielmehr darum, alle Dinge als Manifestation beider Anteile zu sehen und die Umwandlung des Geringeren (des Bösen) zugunsten des Größeren (Guten) zu ermöglichen.

Die Mystik wurde von dem Glauben beherrscht, daß Liebe der einzige Weg ist, der zu Gott führt. Doch wir treten in eine neue und dynamische Phase in der Evolution des mystischen Strebens ein – die Ära der Praktischen Mystik. Schrittweise werden wir gewahr, daß Gott nicht nur Liebe ist, sondern auch Verstand. Praktische Mystiker verstehen, daß Herz und Verstand gleichermaßen göttlich sind und daß beide eingesetzt werden müssen im Dienst für ein größeres Wohlergehen der Menschheit. Solche Menschen befürworten die Wichtigkeit, spirituelle Weisheit in praktischen Ausdruck zu bringen. Sie streben danach, eine neue Zivilisation aufzubauen, in der die Einheit der Menschheit erkannt wird und die äußeren sozialen Strukturen diese Erkenntnis belegen. Dies wird erreicht durch innere Ausrichtung auf die Seele, während man gleichzeitig mit beiden Füßen fest auf dem Boden steht. Dies ist die Formel, um den Himmel auf Erden zu bringen, und dies ist der Auftrag des praktischen Mystikers.

© 2007  William Meader

Biographische Information: William Meader ist ein Autor, Lehrer und Berater . Vieles seiner Arbeit konzentriert sich auf die Themen der Spirituellen Kreativität, der Evolution des Bewußtsein und der Astrologie der Seele. Er ist ebenfalls ein erfahrener Lehrer verschiedener Meditationstechniken. Zur Zeit unterrichtet er in den Vereinigten Staaten, Kanada, Europa, Australien und Neuseeland. Er lebt in Oregon/ USA und kann über seine Webseite erreicht werden – meader.org.

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