Den spirituellen Weg gehen: Eine zeitgenössische Sichtweise

17 Mar

Den spirituellen Weg gehen

~ Eine zeitgenössische Sichtweise ~

Spirituelle Entwicklung ist einer langen und anstrengenden Reise sehr ähnlich. Oft der Weg genannt, erfordert das Reisen, daß ein Individuum innerlich die Seele erkennt und entschlossen ist, dies mehr und mehr im täglichen Leben auszudrücken. Obwohl (zu Zeiten) lang und schwierig, ist es eine Reise, die jeder beginnen muß, in diesem Leben oder in einem anderen. Der Weg führt eine Person schließlich auf den Gipfel der menschlichen Evolution – perfektioniertes Bewußtsein und Erleuchtung. Darum kann ein Verständnis des Weges hilfreich sein, wen man versucht, ihn  zu gehen.

Um den Weg zu verstehen, müssen wir uns zuerst daran erinnern, daß das menschliche Bewußtsein dualistischer Natur ist. Im Wesentlichen gibt es zwei Teile des Verstandes – einen niedrigeren und einen höheren Anteil. Der niedrigere Teil ist verbunden mit dem Ego (der Persönlichkeit) und ist normalerweise der Brennpunkt unseres Tagesbewußtseins.

Der höhere Teil enthält Qualitäten wie Mitgefühl, Verständnis und Weisheit und ist mit der Seele verbunden. Die Seele und die Persönlichkeit bilden daher eine grundlegende Dualität in jedem von uns. Eine Vorbedingung um den Weg zu gehen ist, daß jemand bewußt seine Dualität in sich selbst erkennen muß. Wenn dies klar gesehen wird, beginnt ein Individuum, danach zu verlangen, die Seele in allen Aspekten des täglichen Lebens voller auszudrücken. Innerhalb der Abgeschiedenheit ihrer oder seiner Gedanken wird dann ein feierliches Versprechen gegeben. Es ist ein Gelübde, zur tief inne liegenden Seele hinzustreben und eine Reihe von spirituellen Disziplinen anzunehmen, um dies am Ende zu erreichen.

Interessanterweise ist dies die tiefere Bedeutung im Gebrauch des Wortes Jünger [engl.: disciple, von lat:discipulus = der Schüler]. Zur Seele hinzustreben bedeutet, ein Jünger der Seele zu sein. Aus einem bestimmten Blickwinkel sind Jüngerschaft und der Weg voneinander abhängige Ideen. Die beiden gehen Hand in Hand. In einigen esoterischen Schriften wird die spirituelle Reise sogar der Weg der Jüngerschaft genannt.

Eine unpersönliche Annäherung an das Leben

Viele Menschen glauben, daß der Weg eine äußere Reise sei. Obwohl diese Annahme verständlich erscheint, ist sie dennoch eine Fehlwahrnehmung. Statt dessen sollte der Weg besser verstanden werden als ein innerer Korridor. Ihn zu gehen erfordert, daß das Individuum zu dem höheren Bewußtsein, das sie/er innerlich spürt, hinstrebt. Als solches ist es richtiger zu sagen, daß der Weg ein psychologischer Faden ist, der zu dem Platz führt, wo die eigene höhere Natur gefunden werden kann – die Seele.

Dennoch sollte deshalb  nicht angenommen werden, daß der Weg keinerlei Verbindung zum äußeren Leben hat. Er hat sie definitiv. Die Lebensweise einer Person offenbart immer ihren/seinen Zustand des Bewußtseins. Die äußeren Umstände des Lebens spiegeln einfach die Natur des Denkvermögens wieder. Wenn man sich auf dem Weg befindet, ergibt sich daraus unweigerlich eine veränderte Haltung dem Leben gegenüber. Dies beweist sich in einer neuartigen und hervortretenden Veränderung der Wertigkeiten, oft zur Bestürzung der Gesellschaft.

Zum Beispiel werden die Anreize des Lebens unpersönlicher. Die gesellschaftliche Ermutigung, Reichtum und Prestige zu erwerben, verliert ihre Überzeugungskraft. Persönliche Wünsche und Bestrebungen bekommen weniger Bedeutung und die Bedürfnisse der Gesamtheit wachsen in ihrer Wichtigkeit. Je mehr sich jemand mit der Seele identifiziert, desto unpersönlicher und dezentralisierter wird er/sie.

Wenn das Bewußtsein die Voreingenommenheit von seiner Individualität (dem Ego) aufgibt, dann dehnt es sich aus. Darum wird eine Person beginnen, in subtiler Weise das Eins-Sein der Menschheit zu spüren und die Motivation zu dienen wird unweigerlich erscheinen. Anders ausgedrückt führt die Dezentralisierung des Bewußtseins zu der Wahrnehmung des Eins-Seins und dieses ermöglicht dem Impuls zu dienen, emporzusteigen. Als solches wird das Leben mehr und mehr dem Dienst gewidmet und unpersönlicher.

Voraussetzungen für den Weg

Die Erforderlichkeiten, den Weg zu beschreiten, haben sich über die Zeit hin verändert. Für viele Jahrhunderte wurde die Betonung auf das Geheiligt- Sein der Liebe und ihre Kraft, das menschliche Leben  zu transformieren, gelegt. Im geschichtlichen Sinne wurde Liebe als das Kernstück der Spiritualität betrachtet und der Weg zu Gott lief durch das Herz. Jetzt, so wie alles in der Schöpfung, sich entwickelt, hat sich auch unser Verständnis des spirituellen Weges über die Zeit hin ebenfalls verändert. Obwohl Liebe eine wesentliche Qualität der Seele ist, ist das höhere Denkvermögen gleich wichtig.

Als der rechtmäßige Begleiter des Herzens ist das höhere Denkvermögen unentbehrlich, wenn man sich auf der Reise zur Erleuchtung befindet. Ungleich des niederen Denkvermögens mit seiner Betonung des Wissens, ist das höhere Denkvermögen der Hüter der Weisheit. Durch es sind wir in der Lage, weitgefaßtere und abstraktere Wahrheiten zu erfassen. Denkvermögen und Herz müssen daher miteinander verschmelzen. Sie unterstützen einander. Liebe stellt immer sicher, daß Eins-Sein gefühlt wird, während das Denkvermögen die Weisheit der Seele und ihren Zweck/Sinn übermittelt.

Spiritueller Dienst : Ein neues Paradigma

Vieles auf dem Weg nötigt uns dazu, Verantwortung für das Wohlergehen der Menschheit  zu übernehmen. Dienst ist daher eine wesentliche Komponente für Seelenbewußtsein und Jüngerschaft. Und doch sehen wir in unserem gegenwärtigen Verständnis des Weges, daß die Natur des Dienstes sich ebenfalls entwickelt hat. Sie ist etwas Ausgedehnteres  und Umfassenderes geworden.

In der Vergangenheit lag die Betonung im Dienst an den Leidenden. Die Hinterlassenschaft daraus liegt in den großen humanitären Initiativen, die wir heute sehen. Dies ist natürlich gut und sollte fortgesetzt werden. Doch bewegt uns das höhere Verständnis von Dienst, den Kontext zu erweitern durch das, innerhalb dessen er geleistet wird. Die Einheit der Menschheit zu kennen bedeutet, zu wissen, daß Dienst überall und unter allen Umständen möglich ist.

Heutige Jüngerschaft ermutigt uns zu erkennen, daß soziale Systeme ebenfalls sich entwickelnder Ausdruck des Lebens sind. Ob wir  Politik, Geschäftsleben, Erziehung oder die Künste betrachten, alle sind lebende Kräfte, die darum kämpfen, sich in eine höhere Form zu entwickeln. Als solches kann (und muß) Dienst innerhalb jeder sozialen Institution geleistet werden. Den Weg zu gehen erfordert, daß Menschen soziale Systeme in dieser Weise sehen. Dies bedeutet zu wissen, daß alle sozialen Institutionen im Wesentlichen  spirituell und Austragungsorte sind, die Emporhebung anbieten.

Die Erfahrung der dunklen Nacht

Den Weg zu bereisen ist in keiner Weise kontinuierlich und gleichmäßig. Oft wird sich ein Individuum im tiefsten Sinne verbunden mit seiner/ihrer Seele empfinden, nur um sich später spirituell verloren und beraubt zu fühlen. Auch wenn solche Erfahrungen frustrierend sind (für die Persönlichkeit, nicht für die Seele), ist es etwas, das natürlicherweise auftritt. Dies ist die Grundlage für die Erfahrung der dunklen Nacht der Seele wie sie anfänglich durch den Heiligen Johannes vom Kreuz im 16. Jh. übermittelt wurde.

Die Erfahrung der dunklen Nacht tritt nur auf, weil die Beziehung der Persönlichkeit zur Seele noch nicht vollkommen ist. Manchmal verursacht die Persönlichkeit unabsichtlich die Erfahrung der dunklen Nacht. Doch zu anderen Zeiten ist die Seele der Verursacher. Wenn die Persönlichkeit das Ereignis hervorruft, liegt es daran, daß eine selbstsüchtige Tendenz sich erneut behauptet. Dies bewirkt, daß der Weg verdunkelt und verdeckt wird, zumindest vorübergehend. Wenn die Seele die Dunkelheit hervorruft, so geschieht dies, um die voraneilende Persönlichkeit innehalten zu lassen. Die Persönlichkeit strebt danach, sich mit der Seele zu verbinden, hat sich aber noch nicht ausreichend gereinigt. Zu solchen Zeiten wird die Seele eine Wolke der Dunkelheit über die Persönlichkeit werfen, um so einen ernsthafteren Zugang für ihre Bereitschaft (oder das Fehlen derselben) zu erzwingen. Solche Erfahrungen der dunklen Nacht sind in die Natur des Weges eingebaut und unausweichlich.

Abschließende Bemerkungen

Den Weg zu gehen erfordert, daß die Person sich selbst ihrer/seiner eigenen Dualität – Seele und Persönlichkeit – bewußt wird. Aus dieser Erkenntnis folgt natürlicherweise die Verpflichtung, die Weisheit der Seele zu leben und auszudrücken,. Persönliche Wünsche geben schrittweise (und unausweichlich) gegenüber den evolutionären Bedürfnissen der Menschheit nach. Dienst am größeren Ganzen ist daher ein Merkmal, wenn man den Weg geht. Und obwohl es Zeiten gibt, in denen man den Weg aus den Augen verliert, ist meistens diese Blindheit nur vorübergehend. Dunkelheit ist manchmal notwendig, weil sie die Persönlichkeit justiert, als eine Voraussetzung, größeres Licht zu empfangen.

Ursprünglich erfordert das Eintreten auf den Weg, daß wir unser Denken über ihn umkehren. Obwohl Jüngerschaft durch ein Leben im Dienst bewiesen wird, ist es doch nur ein Effekt der auftritt, wenn man sich auf einer spirituellen Reise befindet. Es ist nicht der Weg selbst. Statt dessen wird der Weg am Besten verstanden als ein innerer Korridor, der zur eigenen authentischen Identität, der Seele, führt. In dieser Betrachtungsweise ist der alte Aphorismus wahr – „um den Weg zu finden muß man selbst zum Weg werden.“

© 2007  William Meader

Biographische Information: 
William Meader ist ein Author, Lehrer und Berater. Sein Werk ist hauptsächlich den Themen der Spirituellen  Kreativität, der Evolution des Bewußtseins und der Astrologie der Seele. Er ist ein erfahrener Lehrer verschiedener Meditationsmethoden. Zur Zeit unterrichtet er in den USA, Kanada, Europa, Australien und Neuseeland. He lebt in Oregon/USA und Kontakt kann über seine Webseite aufgenommen werden – meader.org.

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