Das Auge der Visionvon

17 Mar

Das Auge der Visionvon

Für Menschen wird das Sehen als der wichtigste der fünf Sinne angesehen. Die Fähigkeit zu sehen ist so sehr ein Teil der menschlichen Erfahrung, daß ihr Verlust für die meisten von uns ein vernichtender Schlag sein würde. Und tatsächlich, wenn man die Leute fragt, welchen ihrer fünf Sinne, sie am wenigstens verlieren möchten, rangiert das Sehen ausnahmslos an erster Stelle. Ganz ohne Frage ist es das Sehen, daß unsere Wahrnehmungserfahrung beherrscht. Doch wenn wir beginnen, bewußt ein spirituelles Leben zu leben, tritt allmählich eine neue Form des „Sehens“ hervor. Es ist ein subtiler Sinn und verbunden mit der Seele, die beginnt, ihr Auge der Vision zu öffnen.

Das Auge der Vision ist ein Aspekt des sogenannten dritten Auges. Wenn es (zumindest teilweise) geöffnet ist, beginnt der Einzelne eine tiefere Realität, im Vergleich zu dem, was die fünf Sinne bieten können, wahrzunehmen. Es ist eine Art des Sehens, die über die Wahrnehmung der Form hinausgeht. Stattdessen stattet es uns mit einer Aussicht auf die Energie, Wahrheit oder Muster, die einer Form zugrunde liegen können, aus. Das Wort „Einsicht“ ist sehr nützlich, wenn man versucht die Natur der Methode zu beschreiben, die die Seele verwendet, um zu sehen. Das Auge der Vision vermittelt Einsicht (Sicht, die nach innen gerichtet ist) in die subtileren Realitäten des Lebens. Ungleich unseres normalen Sehens sieht es die tiefere Natur einer Sache, statt nur die Sache selbst zu sehen.

In der esoterischen Philosophie werden alle Formen als die Abbilder von Qualitäten oder Energien verstanden. Qualitäten wie Liebe, Intelligenz, Wille und Hingabe sind Beispiele spiritueller Energien (Qualitäten), die der Form zugrunde liegen. In der Tat könnten zahllose andere genannt werden. Aus einem bestimmten Blickwinkel heraus, repräsentieren diese Qualitäten die Seele, verborgen in der Form und es ist das Auge der Vision, das fähig ist ihre Präsenz zu spüren. Dies ist wahr, unabhängig davon, ob wir von einer Sache, einer Person, einem Platz oder einem Ereignis sprechen. Jede dieser Kategorien ist ein Ausdruck der Form und jede hat subtile Qualitäten, die ihr zugrunde liegen.

Wenn wir zum Beispiel eine Person sehen, die sehr hingebungsvoll ist, dann bedeutet das, daß die Qualität der Hingabe durch diese Peson ausstrahlt. Die Energie ist subtil und es ist eine seelenvolle Kraft, die dabei ist, sich im Außen auszudrücken. So eine Hingabe kann sich im Außen manifestieren als eine relativ reine Form, wie durch das Leben von jemandem wie Mutter Theresa. Auf der anderen Seite kann sie sich durch eine verzerrte Form ausdrücken, wie zum Beispiel in einer Person, die militant (aber hingebungsvoll) die Jihad befürwortet. Hingabe ist die Qualität (die Seele), die beiden diesen Beispielen zugrunde liegt, aber ihre Manifestation (die Form) kann sehr variieren. Und, am wichtigsten für diese Diskussion ist das Verständnis, daß wenn wir die Seele, die in der Form verborgen ist (sei es, daß die Manifestation positiv oder negativ ist), spüren können, ist es das Auge der Vision, die eine solche Wahrnehmung möglich macht.

Es soll erwähnt werden, daß die Wahrnehmung, die durch das Auge der Vision übermittelt wird, nicht notwendigerweise visuell sein muß. Während die normale Sicht[vision] Bilder von Form vermittelt/bietet, vermittelt/bietet die Sicht[vision] der Seele einen Eindruck, der über die Form hinaus geht und ist relativ formlos. Meist wird dies erfahren als eine intuitive Erkenntnis des Denkens und des Herzens. Es ist ein Sehen, daß die Form transzendiert und wird im Verstandesdenken erkannt als ein tiefes Verstehen oder eine spirituelle Wissenserfahrung. Wenn die Seele auf die Persönlichkeit blickt, hat sie die Kraft eine intuitive Erkenntnis zu bewirken, aber nur wenn das Denken empfänglich ist für ihren abwärts gerichteten Blick. Kurz die Seele braucht eine Persönlichkeit, die aufmerksam ist für ihre subtile Beeindruckung.

Je weiter eine Person in der Entwicklung ihrer/ seines Bewußtseins (in spiritueller Hinsicht) ist, desto weiter ist das Auge der Vision geöffnet. Von daher kann man verstehen, daß das Auge der Seele etwas ist, daß sich über die Zeit hin entwickelt. Oft glauben Menschen, daß das dritte Auge voll geöffnet ist. Manchmal ist das so, aber nur bei jemandem, der an der Pforte/Tor zur Erleuchtung steht – wahrhaft eine Seltenheit. Für diese Menschen, die ihrer eigenen spirituellen Entwicklung verpflichtet und zur Seele erwacht sind, ist dieses Auge nur teilweise geöffnet. Doch ein drittes Auge, daß nur teilweise geöffnet ist, ist besser als gar keines. Versieht es einen doch mit einem tieferen Verständnis für die spirituelle Dimension des Lebens und der Umstände. Für die Masse der Menschen, die noch nicht zu ihrer eigenen inneren Spiritualität erwacht sind, bleibt das Auge der Vision verborgen und geschlossen. Und doch wartet es auf den Tag, an dem die Persönlichkeit erwacht und bereit ist seine subtile Gabe zu erkennen und zu erhalten.

Eine der wichtigsten Rollen, die das Auge der Vision spielt, ist, daß es als ein richtungsweisendes Signalfeuer im Leben fungieren kann. Wenn eine Person wahrhaft versucht, entsprechend den Eingebungen der Seele zu leben, taucht das Gefühl auf, daß das Leben anders ausgerichtet werden sollte. Oft basiert dies auf der wachsenden Erkenntnis, daß die Anreize, die von der Gesellschaft befürwortet werden, nicht länger verlockend sind. Die Anreize sind häufig materialistisch und wenden sich hauptsächlich an die Persönlichkeit. Doch um durch die Eingebungen der Seele geführt zu werden, bedeutet das Leben in einer Art zu leben, die im Widerspruch zu stehen scheint zu dem was andere unterstützen. Im übertragenen Sinne bedeutet es/ist es ähnlich wie, gegen den Strom zu schwimmen.

Zum Beispiel sind der Wunsch nach Reichtum, persönliche Wunschbefriedigung, Macht und Prestige die Hauptmotivationen, die die westliche Kultur und ihre Einstellung zum Leben geformt haben. Doch die anziehende Kraft dieser Anreize fangen schließlich an zu schwinden, wenn das Auge der Vision sich zu öffnen beginnt. Das Leben in einer anderen Art und Weise zu leben, wird ein zwingender Antrieb. Ein Sinn für Verantwortlichkeit für das Wohlergehen des größeren Ganzen (als den Verlockungen der Persönlichkeit zu folgen) wird das erhabenere Motiv, daß das Leben einer Person bewegt. In diesem Prozeß geben die Wünsche der Persönlichkeit gegenüber der Vision und dem höheren Sinn, der durch die Seele übermittelt wird, nach. Eine Bewegung hin zum Licht beginnt auf diese Art.

Wenn das Auge der Vision tätig ist, beginnt ein neues Verständnis der Zeit das Bewußtsein des Einzelnen zu formen. Aus esoterischer Sicht wird unsere  Wahrnehmung der Zeit durch den Wechsel von Moment zu Moment, der mit dem Bewußtsein einhergeht, hervorgerufen. In jedem ‚Mikro-Moment’ befindet sich unser Bewußtsein in einer leicht veränderten Anordnung. Daraus resultiert die Wahrnehmung von Dauer und Zeit. Doch wenn die Seele zu den mentalen Erfahrungen des Einzelnen beiträgt, durchdringt sie das Denkvermögen mit einem anderen Muster in Bezug auf Zeit. Man beginnt die Zeit in längeren Abschnitten zu betrachten. Während die Persönlichkeit damit beschäftigt sein kann, was in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten geschehen wird, führt uns die Vision der Seele dazu, in Begriffen von Jahren, Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten zu denken. Die Sicht [vision], die durch die Seele vermittelt wird, vermittelt uns immer ein größeres und tieferes Bild vom Leben, von Ereignissen und Umständen. Diese erweiterte Sicht kann auf unterschiedliche Weise verstanden werden. So wie oben erwähnt, erweitert sich unsere Sicht der Zeit, wenn das Auge der Vision unsere Wahrnehmung gestaltet. Die Seele bietet uns zusätzlich eine ausgedehntere Perspektive hinsichtlich der Evolution selbst. Sie hilft uns zu verstehen, daß sich alle Dinge allmählich entwickeln.

Ob wir von Menschen, Gesellschaftssystemen oder Nationen sprechen, jedes von diesen wird als eine lebende Einheit betrachtet, die darum ringt sich hin zu einem höheren Zustand der Existenz zu entwickeln. Jedes hat eine Seele (die höhere Natur) und eine Persönlichkeit (die niederen Tendenzen). Jedes ist daher ein Ausdruck des Lebens, das darum ringt sich durch die Form auszudrücken und tut dies in unterschiedlichen Graden der Reinheit und der Verzerrung. Hierin wird ein Schlüssel für das Verständnis gefunden, wie das Auge der Vision die Wahrnehmung formt. Es hilft uns das Ungleichgewicht zwischen Form und der geheiligten Energie, die sich durch diese Form ausdrückt, zu ermessen. Und es liegt in dieser Erkenntnis, daß ein evolutionärer Zustand bewiesen/festgestellt wird.

Durch den Blick der Seele sind wir fähig über die Form hinaus zu schauen, um Zeuge des Lebens (erkannt als spirituelle Qualitäten) zu werden, das sie belebt. Während die zwei Augen der Persönlichkeit nur die Form und Ereignisse sehen (und von ihnen angezogen oder abgestoßen wird), sieht die Seele die Heiligkeit, die in aller Form und allen Umständen verborgen ist. Doch die Seele kann nur erfolgreich sein, wenn sie fähig ist, die Persönlichkeit zu überzeugen, das Urteilen einzustellen. Auf sich gestellt, tendiert die Persönlichkeit dazu, sich trennend zu verhalten. Dadurch  neigt sie zu einer sehr schnellen Bewertung dessen, was sie sieht.

Diese Tendenz verhindert, daß die subtile Vision [Sicht] (die von der Seele vermittelt wird) im Denken registriert wird. Es ist tatsächlich das größte Hindernis für die Seele und ihre Vision [Sicht], daß die Persönlichkeit dazu neigt, vorschnell über etwas als gut oder böse, richtig oder falsch zu urteilen. Dieses Verhalten hemmt den tieferen Blick, den das Auge der Vision anbietet. In der Tat verschwindet die Vision der Seele wenn die Persönlichkeit herbei eilt, um ihr richtendes Urteil anzubieten. Dies zu verändern ist schwierig, da kann man sicher sein. Es erfordert ein allmähliches Überzeugen der Persönlichkeit, daß sie nie das Ganze sieht, sondern nur einen Teil davon. Des Weiteren hilft es, ein liebendes und vergebendes Herz zu entwickeln, um den Drang der Persönlichkeit zu urteilen, zu mildern. Mit der Zeit können diese beiden Annäherungen, den notwendigen Sinn für Bescheidenheit liefern.

In dieser Erörterung haben wir gesehen, daß das Auge der Vision Tiefe zur menschlichen Wahrnehmung hinzufügt, besonders für die, die zu ihrer inneren Göttlichkeit (der Seele) erwacht sind. Es gibt eine Einsicht in die Wahrheit, die hinter den Kulissen liegt, metaphysisch verstanden. Die Vision [Sicht] der Seele ist das, was dazu führt eine neue und andersartige Art des Lebens zu führen. Sie hilft uns auch, die Weltereignisse in einem neuen Licht zu sehen und daher mit einer größeren Weisheit. Durch diesen Blick kann die Einheit der Menschheit gesehen werden und aus solch einer Vision [Sicht] folgt die Verpflichtung  dem größeren Ganzen zu dienen. Auf diese Weise schreitet der Diener, der mit an der Weiterentwicklung der Menschheit arbeitet, voran.

© 2007  William Meader

Biographische Information: William Meader ist ein Autor, Lehrer und Berater . Vieles seiner Arbeit konzentriert sich auf die Themen der Spirituellen Kreativität, der Evolution des Bewußtsein und der Astrologie der Seele. Er ist ebenfalls ein erfahrener Lehrer verschiedener Meditationstechniken. Zur Zeit unterrichtet er in den Vereinigten Staaten, Kanada, Europa, Australien und Neuseeland. Er lebt in Oregon/ USA und kann über seine Webseite erreicht werden – www.emergent

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